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Mit '''Machtergreifung''' (auch '''Machtübernahme''' oder '''Machtübergabe''') wird die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 30.?Januar 1933 bezeichnet. Im Kontext umfasst der Begriff in den Wochen über das Datum hinaus die anschließende Umwandlung der bis dahin bestehenden parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik und deren Verfassung in eine nach dem nationalsozialistischen Führerprinzip agierende zentralistische Diktatur. Hitler übernahm an diesem Tag die Führung einer Koalitionsregierung von NSDAP und nationalkonservativen Verbündeten (DNVP, Stahlhelm), in welcher neben ihm vorerst zwei Nationalsozialisten Regierungsämter bekleideten.

Nachdem am 1. Februar der Reichstag aufgelöst worden war, schränkten die Machthaber in den folgenden, von nationalsozialistischem Terror gekennzeichneten Wochen die politischen und demokratischen Rechte durch Notverordnungen des Präsidenten ein. Als entscheidende Schritte auf dem Weg zur Diktatur gelten die ''Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat'' (Reichstagsbrandverordnung) vom 28.?Februar 1933 und das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Der Reichstag verlor damit praktisch jegliche Entscheidungskompetenz. Neben vielen anderen wurden auch Parlamentarier ohne Gerichtsverfahren in Konzentrationslagern eingesperrt und gefoltert.

Einige Historiker halten die bekannten Bezeichnungen ''Machtergreifung'' und ''Machtübernahme'' für wertend oder nicht präzise; sie verwenden die Begriffe ''Machtübergabe, Machtübertragung'' oder ''Machtantritt''.

Begriff

Begriffsverwendung im Nationalsozialismus

Die '' (VfZ) 31/1983, S. 136?145.</ref> oder auch in einer wiederholt beschworenen und sich angeblich in Massenveranstaltungen äußernden, die emotionalisierten Massen mitreißenden ''Dynamik der Bewegung''.

Begriffsverwendung nach 1945

Der Begriff ''Machtergreifung'' wird in der Geschichtswissenschaft unterschiedlich gebraucht. Häufig bezieht er sich nur auf Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. So endet Martin Broszats Darstellung zu diesem Thema mit Hitlers Einzug in die Reichskanzlei am 30. Januar 1933.

Die Frage, wann dieser Prozess abgeschlossen war, wird in der Literatur zur Geschichte des Nationalsozialismus verschieden beantwortet. Für fest etabliert.

Die neuere wissenschaftliche Literatur setzt den Begriff ?Machtergreifung? oft in Anführungszeichen. Denn dieser Begriff schreibt dem Volk eine ausschließlich passive Rolle zu und stellt die Machtübernahme als eine Art Staatsstreich dar. Tatsächlich hatte die NSDAP aber eine nicht unerhebliche , ''Der Nationalsozialismus'', Reclam, Stuttgart 2002 (=?Universal-Bibliothek; 17037), ISBN 3-15-017037-0, S.?15.</ref>

Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verstießen die neuen Machthaber dann eindeutig gegen die Weimarer Verfassung. Mit der Reichstagsbrandverordnung ermöglichte Hindenburg den Übergang zur Diktatur. Diese Verordnung galt bis zum Ende des NS-Staates. Wesentliche demokratische Grundprinzipien wie die Freiheit der Person, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Brief- und Fernmeldegeheimnis sowie die Vereinigungsfreiheit wurden darin außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig nutzte die NSDAP zur Durchsetzung ihrer Herrschaft auch zahlreiche Terrormaßnahmen, mit denen politische Gegner eingeschüchtert, verhaftet oder ermordet wurden. Laut Michael Grüttner kann die Reichstagswahl am 5. März daher trotz korrekter Durchführung nur als ?halbfreie Wahl? bezeichnet werden.

Vorgeschichte

Aus dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November 1923 hatten die Nationalsozialisten gelernt und für ihre ?nationale Revolution? eine ?Legalitätsstrategie? entwickelt, sich formal an Recht und Gesetz zu halten. Entsprechend bekräftigte Hitler als Zeuge im Hochverratsprozess gegen die drei Reichswehroffiziere Hanns Ludin, Richard Scheringer und Hans Friedrich Wendt im September 1930 ausdrücklich, dass seine Partei ?auf dem Boden der Legalität? stehe und nur verfassungsgemäß an die Macht gelangen wolle.

Seit dem Wahlerfolg von 1930 bemühte sich der Reichskanzler Heinrich Brüning (Deutsche Zentrumspartei), mit einer durch die Sozialdemokraten gestützten Minderheitsregierung die Verfassung und den Staat am Leben zu erhalten. So setzte Brüning ein Verbot der SS und SA durch, das auf Druck Hindenburgs und der rechtsnationalen Kräfte um Kurt von Schleicher jedoch 1932 wieder aufgehoben werden musste. Wirtschaftspolitisch gesehen verschärfte Brüning mit einem rigiden Programm des Haushaltsausgleichs die hohe Arbeitslosigkeit zusätzlich, indem er beschäftigungswirksame Staatsausgaben zurückfuhr, statt sie zu erhöhen. Seit 1932 versuchte der parteilose Reichskanzler Franz von Papen eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten, um deren Massenanhang für sich selbst zu benutzen. Eine von Papen angestrebte Regierungskoalition von Zentrum, DNVP und NSDAP scheiterte allerdings an Hitlers Forderung nach der Reichskanzlerschaft für die eigene Person. Da Papen sich um die Nationalsozialisten bemühte, unterließ er es, die NSDAP zu verbieten und als staatsgefährdende Partei darzustellen. Dazu hätten ihm und seinem Vorgänger die Boxheimer Dokumente Gelegenheit gegeben, die 1931 in Hessen aufgetaucht waren und Putschpläne der Nationalsozialisten verraten hatten. Stattdessen griff er selbst zu diktatorischen Maßnahmen, indem er als Reichskanzler die SPD-geführte Minderheitsregierung des Landes Preußen absetzte (?Preußenschlag?).

Der neue Reichskanzler Schleicher versuchte im Dezember 1932, eine ?Querfront? unter Einbeziehung vermeintlich linksorientierter Nationalsozialisten zustandezubringen.
Durch gemeinsame Aktionen mit der DNVP und dem Stahlhelm wie dem Volksentscheid gegen den Young-Plan 1930, sowie besonders 1931 in der ?Harzburger Front?, wurden die Nationalsozialisten stark aufgewertet und salonfähig gemacht. Die von linker Seite behaupteten massiven Unterstützungen seitens der Industrie trugen hingegen zum Aufstieg des Nationalsozialismus in dieser Phase nur unwesentlich bei. Es waren nur vereinzelte Unternehmer, die Hitler etwa mit der Industrielleneingabe unterstützten.

Das System der parlamentarischen Demokratie war schon in den Jahren seit 1930 ausgehöhlt worden, als Brüning mangels parlamentarischer Mehrheit auch mit Notverordnungen regierte. Einen weiteren Schritt weg von der (Parteien-)Demokratie bedeutete es, als Papen 1932 ein Kabinett von meist parteilosen Fachministern einrichtete (?Kabinett der Barone?).

Hitler hatte bereits in seiner Zeugenaussage von 1930 dargelegt: ?Die Verfassung schreibt uns nur die Methoden vor, nicht aber das Ziel. Wir werden auf diesem verfassungsmäßigen Wege die ausschlaggebenden Mehrheiten in den gesetzgebenden Körperschaften zu erlangen versuchen, um in dem Augenblick, wo uns das gelingt, den Staat in die Form zu bringen, die unseren Ideen entspricht.? Das Zustandekommen der Mehrheiten für das Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 wurde allerdings unter Anwendung brutaler Gewaltmethoden wie Ausschluss oder Ermordung von Abgeordneten erreicht.<ref>''Vor 80 Jahren: Reichstag verabschiedet Ermächtigungsgesetz'', Hintergrundbericht der nicht gelungen, die absolute Mehrheit der Stimmen zu erhalten.

Hitler und die NSDAP waren sowohl von dem ihn unterstützenden Teil der Konservativen als auch von ihren Gegnern aus dem republikanischen Lager unterschätzt worden. Die konservative Strategie der ?Einrahmung? oder ?Zähmung? der Nationalsozialisten scheiterte an Hitlers Machtwillen. Die Konservativen hatten zu sehr auf den Reichspräsidenten Hindenburg vertraut: Nach der bestanden.

Den Gewerkschaften schien angesichts von sechs Millionen Arbeitslosen das Mittel des interniert.

Politikwissenschaftliche Einordnung

Die Bezeichnung ?.
Der Publizist Sebastian Haffner bestritt den Revolutionscharakter der Machtergreifung wegen des fehlenden Ethos der Nationalsozialisten:

In neueren Darstellungen wird die nationalsozialistische Machtergreifung dagegen häufiger als , daß an der Illegalität und am folglich auch unter diesem Aspekt revolutionären Charakter der NS-Machtergreifung kein Zweifel bestehen kann.?

1987 führte : ''Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus.'' Berlin 1998, S. 67.</ref>

 von einer permanenten Revolution aus, ?die auf politische, ?völkische? und ?rassische? Homogenisierung zielte sowie auf eine ?unbegrenzte Expansion? des nationalsozialistischen ?Befehlsraums?.?

Chronologie

Österreich und Sudetenland

In Österreich arbeitete namentlich Theodor Habicht für eine Machtergreifung im nationalsozialistischen Sinn. 1934 kam es zum Juliputsch, der scheiterte. Während dieses Putsches wurde unter anderem der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet. Mit dem Anschluss Österreichs entstand im März 1938 das Großdeutsche Reich.

Im Sudetenland gründete Konrad Henlein 1933 die Sudetendeutsche Heimatfront, 1935 umbenannt in Sudetendeutsche Partei. Im Herbst 1938 wurde das Gebiet als Reichsgau Sudetenland dem Deutschen Reich einverleibt.

NS-Propaganda, spätere Gedenkformen

In Deutschland feierten die Nationalsozialisten den 30. Januar als ''Tag der nationalen Erhebung'' und Beginn ihrer Machtübernahme mit einer angeordneten Beflaggung öffentlicher Gebäude mit der Hakenkreuzfahne.

Seit 1996 dient der vom 30. Januar 2013.</ref>

Literatur

  • Katrin Berentzen: ''Machtergreifung''. In: Georg Stötzel, Thorsten Eitz (Hrsg.): ''Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache''. Olms, Hildesheim 2002, ISBN 978-3-487-11759-1, S.?232?ff.
  • Karl Dietrich Bracher, Wolfgang Sauer, Gerhard Schulz (Hrsg.): ''Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34''. Westdeutscher Verlag, Köln [u.?a.] 1960 (=?''Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft'' 14, ); 3 Bände. Ullstein, Berlin u.?a. 1974.
  • Martin Broszat: ''Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerstörung der Weimarer Republik''. dtv, München 1984, ISBN 3-423-04516-7.
  • Richard J. Evans: ''Das Dritte Reich''. Band 1, ''Aufstieg''. Übersetzt von Holger Fliessbach und Udo Rennert, DVA, München 2004, ISBN 3-421-05652-8.
  • '', Heft I/2003.
  • Norbert Frei: ''Machtergreifung. Anmerkungen zu einem historischen Begriff.'' In: ''Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte'' (VfZ) 31/1983, S. 136?145 (PDF).
  • , Band 19). Klett-Cotta, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-608-60019-3.
  • , Bd. 17). Oldenbourg, München 1979, 7. Auflage 2009, ISBN 978-3-486-59200-9.
  • Gotthard Jasper: ''Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930?1934''. edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-11270-8.
  • '', Bd. 1329).
  • Andreas Wirsching (Hrsg.): ''Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft.'' Wallstein-Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0512-0.

Weblinks

Einzelnachweise